Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich (1852 - 1929)
Bereits
knapp zwei Jahre nach Konstituierung der Israelitischen Kultusgemeinde Baden
(1878) wurde der 1852 in Karlsburg, Komitat Pressburg, geborene
Wilhelm Reich zum Rabbiner der aufstrebenden
Gemeinde bestellt. Seine rabbinische Ordination erhielt er nach dem Studium an
der renommierten Pressburger Jeshiwah vom bekannten Rabbiner Simchah Bunem Sofer
(auch: Chatam Sofer). Die Amtseinführung fand am 5. Februar 1880 statt. Zuvor
verrichtete Reich von 1875 an das Rabbinat im ungarischen Sárvar. Ab dem Jahre
1894 bis zu seinem Tod war er zugleich auch Rabbiner der Israelitischen
Kultusgemeinde Neunkirchen.
Reich war früher Zionist und als solcher auch bei ersten Zionistenkongress in
Basel anwesend. 1905 war er Teilnehmer einer Gesellschaftsreise ins damalige
Palästina. Die Eindrücke dieser Reise hielt er in seinem Werk „Nach Osten“ fest.
Oberrabbiner Wilhelm Reich erfreute sich Zeit seines Lebens innerhalb der
jüdischen Gemeinde sowohl bei der Orthodoxie als auch bei den Liberalen großer
Beliebtheit. 1990 berichtete seine Tochter Sidi: „Ich habe immer große
Verehrung, Liebe und Anhänglichkeit von Seiten der Kehilla meinem teuren Vater
gegenüber verspürt. Unser Haus war immer Anziehungspunkt für viele Besucher.
Baden war doch eine Kurstadt und es gab Besucher aus vielen Ländern. Oft wurde
mein Vater von Wien aus gebeten an einem Beth Din mitzuwirken. Er hatte eine
große Rednergabe und ich erinnere mich an die tiefe Bewegung und Ergriffenheit
nach seinen Predigten“.
Am 16. Juli 1918 wurde Rabbiner Wilhelm zum Bürger der Stadt Baden ernannt.
Nach fast fünf Jahrzehnten segensreichen Wirkens verstarb er infolge eines
Schlaganfalles, den er bei einer Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof erlitten
hatte, am 24. Juli 1929 im Badener Rathschen Krankenhaus.
Im Oktober 2004 wurde nach Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich eine der Alleen
am Bahnhofsplatz benannt.
Die Geschichte der Rabbinerfamilie Reich
Wilhelm (hebr.: Benjamin Zeev)
Reich entstammte einer alten Rabbinerfamilie, die nach einer
Familienüberlieferung ihren Ursprung auf Don Isaak
Abarbanel (1437-1508) zurückführt, welcher bis zur Vertreibung
der Juden aus Spanien als Finanzberater am spanischen Königshof tätig war. Die
Flucht der Familie führte nach Italien, wo man in Mailand eine erste Bleibe
fand. Ein Teil der Nachkommen zog über Polen und Russland bis ans Kaspische
Meer, ein anderer Teil gelangte im Jahre 1620 ins bayrische Altenkunstadt.
Als Sohn des R´ Zwi-Hirsch Ben Shmuel erblickte dort im Jahre 1765
Jakob Koppel das Licht der Welt, welcher im
Alter von zehn Jahren auf die Jeshiwa des Rabbiners
Josef Steinhardt nach Fürth geschickt wurde.
1782 gelangte Jakob Koppel schließlich nach Prag, wo er einer der
Lieblingsschüler des bekannten Rabbiners Ezechiel Landau (1713-1793) wurde.
Landau galt zu seiner Zeit als Eiferer gegen alle Neuerungsströmungen im
Judentum und sprach etwa über Moses Mendelsohn aufgrund dessen deutscher
Bibelübersetzung den Bann aus.
Durch Patent vom 13. Juli 1787 wurde im Rahmen der Josephinischen Reformen
für sämtliche Juden in außerungarischen Provinzen die Annahme von Familiennamen
vorgeschrieben. Jakob Koppel, damals noch in Prag wohnhaft, machte wählte den
Namen seines Geburtsortes Altenkunstadt zu seinem Familiennamen.
1788 weilte Jakob Koppel in Pressburg, wo er Rabbiner Meir ben Saul
studierte. 1792 trat er die Stelle als Rabbiner im slowakischen Verbó an, die er
bis zu seinem Tode im Jahre 1835 ausübte. Aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten
gab man ihm schon zu Lebzeiten den Beinamen „Charif“, der Scharfsinnige.
Unter dem Titel „Chiddushe Jabbez“ erschienen posthum 1837 in Pressburg seine
Novellen zum Talmud Traktat „Chullin“, welche auch vom bekannten Rabbiner Moshe
Sofer approbiert wurden.
Der Ehe Koppel Charifs mit Reisel, der Tochter des Stampfener
Gemeindevorsteher Josef Pessel, entstammten
- Shmuel, der schon in jungen
Jahren verstarb.
- Shimon, geb. 1794. Er lebte in
weiterer Folge im ungarischen Kecskemet
- Sheindl, sie heiratete Eli
Bustin sowie
- Pessel, die Ehefrau von
Rabbiner Avraham Dohan
Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Rabbiner Koppel deren Schwester
Liebele. Der Ehe entstammten weitere fünf Kinder:
- Matl, die spätere Frau von
Rabbiner David Leib Berdach, lebte im slowakischen Jacovce.
- Yittl, die Frau von Rabbiner
David Leib Rosenzweig.
- Zwi Hirsch, über den keine
näheren Angaben vorliegen
- Meshulam, der in Trencin in
Slowakien lebte. Sein Sohn war Yeshaija Reich.
Rabbiner Avraham Yechezkel (1813-1908)
Die Söhne des Jakob Koppels nahmen später den Familiennamen Reich an, da ihr
Vater aus dem (Heiligen Römischen) Reich (deutscher Nation) gekommen war.
Besonders mit seinem jüngsten Sohn Avraham
Jecheskel (1813-1888) soll Rabbiner Koppel Charif ein sehr
herzliches Verhältnis verbunden haben, weil ihm dieser im Alter bei vielen
Aufgaben zur Seite gestanden sein soll. Avraham Jecheskel war es auch, der
einige der Novellen seines Vaters später veröffentlicht hat.
Von 1850 bis 1855 wirkte Avraham Jecheskel Reich als Rabbiner der jüdischen
Gemeinde in Karlsburg, Ungarn. In
diese Zeit fällt auch die Geburt seines Sohnes Wilhelm. 1855 wurde er zum
Rabbiners von Bánovce (Banovitz)
bestellt, wo er die restlichen dreiunddreißig Jahre seines Lebens verbrachte.
Die Kinder von Rabbiner Avraham Jecheskel Reich und dessen Frau
Sara geb. Just, waren:
- Der Badener Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich
(1852-1929)
- Heinrich (Chaim Löb) Reich,
zunächst Rabbiner der selbständigen Kultusgemeinde von Floridsdorf bei Wien,
später Rabbiner im fünften Wiener Gemeindebezirk Wieden.
- Rabbiner Moritz (Moshe) Reich,
Nachfolger seines Vaters im Rabbinat von Bánovce.
- R´Yechiel Michel, welcher im
Alter von 22 Jahren in Pressburg verstarb.
- kaiserlicher Rat Oberrabbiner Jakob Koppel
Reich (1838-1929), welcher 1860 das Rabbinat in Sobotia
übernahm und von 1872 bis 1890 seinem Großvater im Rabbinat Verbo nachfolgte.
1890 wurde er zum Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde von Budapest und zum
Vorsitzenden der ungarischen Rabbinerkommission gewählt. Ab dem Jahre 1926 war
Koppel Reich auch Mitglied des ungarischen Magnatenhauses.
- Rebekka (Rivka Chaila) Reich,
verheiratet mit Rabbiner Bär Duschinsky, Rabbiner der jüdischen Gemeinde von
Namesto, Slowakei
Die Nachkommen von Oberrabbiner Wilhelm Reich
Seine erste Ehe schloss Wilhelm Reich wohl noch in Ungarn mit der am 3. März
1852 in Neutra geborenen Physikertochter Sidonie Sommer, welche im Gegensatz zu
Wilhelm Reich aus vollkommen säkularem Haus stammte. Die Rabbinersgattin
verstarb plötzlich und unerwartet am 7. Mai 1898 an einer chronischen
Nierenentzündung. Der Ehe entstammten sechs Kinder:
- Dr. Nathaniel Reich
(1876-1942). Er absolvierte seine archäologischen Studien in Wien und wirkte
in seinem Studienfach an den Universitäten Prag, Turin und Wien sowie ab den
20er Jahren in Philadelphia, wo er 1942 kinderlos verstarb.
- Karl Reich, verstarb im frühen
Kindesalter bereits 1878
- Dr. Albert Reich (1879-1964),
studierte an der Wiener Universität Chemie und lebte in weiterer Folge in
Budapest, wo er eine chemische Fabrik betrieb. Nach ökonomischen Rückschlägen
wurde er nach dem ersten Weltkrieg in Wien als Versicherungsagent tätig. 1938
flüchtete er mit seiner Frau Louise geb. Braun über Brüssel nach Frankreich,
von wo ihm nach kurzer Internierung, die Flucht in die USA gelang. Er lebte
bis zu seinem Tod in New York. Die Ehe blieb kinderlos.
- Emma Reich (1881-1948)
verheiratete Rosenzweig lebte nach dem frühen Tod ihres aus Ungarn stammenden
Mannes Wilhelm mit ihren Kindern in Budapest. 1944 von den Nazis in einen
jüdischen Frauentransport eingeordnet, gelang ihr die Flucht nach Budapest, wo
sie sich bis zum Kriegsende in einem unter päpstlichen Schutz stehenden Hause
aufhielt. Sie verstarb 1948 in Budapest. Emma Reich hinterließ zwei Kinder.
Ihr Sohn Albert, geb. 1908, lebt heute mit seinem Sohn und dessen Familie in
Sidney, Australien. Er hat Baden zuletzt im Jahre 2002 besucht.
- Dr. Max Reich (1882-1956)
absolvierte das Chemiestudium an der Universität und war in weiterer Folge
Teilhaber der chemischen Fabrik „Saturn“ in Wien-Inzersdorf. Zusammen mit
seiner Frau Stella neé Löwy (1888-1957) und Tochter Marion (geb. 1918) gelang
ihm 1938 die Flucht nach Australien. Er verstarb 1956 in Sidney.
Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau verlobte sich Rabbiner Wilhelm Reich im
November 1899 mit der aus Karlsruhe stammende und um dreizehn Jahre jüngere
Jenny Ellern (1865-1930), welche er im darauf folgenden Jahr zur Frau nahm.
Der zweiten Ehe entstammten eine Tochter und Zwillingssöhne:
- Sidonie Sara (1901-1990),
benannt nach der ersten Frau des Rabbiners, absolvierte ihre Schuljahre in
Baden und war aktives Mitglied der zionistischen „Blau-Weiß“-Bewegung. Nach
ihrer Hochzeit im Jahre 1924 folgte Sie Ihrem aus Deutschland stammenden Mann
Berthold Sternfeld (1885- 1968) in
dessen Heimatstadt Lübeck. Nach dem Tod von Oberrabbiner Reich 1929
übersiedelte die damals schon schwer kranke Rabbinergattin zu Ihrer Tochter,
wo sie im darauf folgenden Jahr verstarb und auf dem Friedhof in
Lübeck-Moisling ihre letzte Ruhestätte fand. Infolge der Machtergreifung der
Nationalsozialisten in Deutschland flüchtete Sidonie Sternfeld Reich mit ihrem
Mann und Sohn Heinrich 1934 über
Österreich nach Palästina. Sidonie Sternfeld verließ Israel nur ein einziges
einmal im Sommer des Jahres 1990, um die Gräber ihrer Eltern aufzusuchen. In
diesem Zusammenhang traf sie mit Präs. MMag. Thomas E: Schärf zusammen. Sie
verstarb noch im selben Jahr in Haifa.
- Ernst (hebr. Avraham Jechesel) Reich
(1902-1971): Aktives Mitglied der Badener „Blau-Weiss“ Bewegung. Nach
Absolvenz des Badener Realgymnasiums von 1923-1928 Bankenlehre und -training
beim Bankhaus Ignaz Ellern in Karlsruhe. Danach Übersiedlung nach Paris und
Arbeit an der österreichischen Botschaft. In weiterer Folge nach Strassburg.
1932 Eheschließung mit Augustine Gittel Muschel
(1910 - ). 1934 Emigration nach Palästina. Eine Tochter, Nicole Jaffa (1936 -
), verheiratet mit Grisha Feigin.
- Dr. Sigmund (hebr. Aron Meir) Reich
(1902-1976): Wie sein Vater war auch Sigmund Reich glühender Zionist und als
solcher zusammen mit seinen Geschwistern Sidonie (Sidi) und Ernst Mitglied der
Badener „Blau Weiss“ - Gruppe. Nach Absolvierung des Badener Realgymnasiums
belegte er das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Wien, welches er
1925 mit der Doktorwürde beendete. Mitglied der Hakoah in Wien. Nach kurzer
Tätigkeit als Volontär bei der Firma Riedenstein & Co in Wien emigrierte er
bereits im Jahre 1926 nach Palästina, wo er für die Anglo-Palestina Bank, der
Vorläuferin der Bank Leumi, tätig wurde. 1927 heiratete er die Tochter des
Rabbiners von Hebron, Sara Franco
(1904 – unbekannt), welche Ehe 1938 geschieden wurde. Im gleichen Jahr folgte
die Eheschließung mit der gebürtigen Berlinerin
Edith Sonnenfeld (1923-1968). Der zweiten, in weiterer Folge
wieder geschiedenen Ehe entstammt ein Sohn, Gad
Reich (*1939). 1946 dritte Ehe mit
Vera Fränkel (*1917), Tochter des Breslauer
Oberlandesgerichtsrates Dr. Günther Fränkel. 1951 Entsendung seitens der
israelischen Regierung nach Zypern. 1952 Geburt von Tochter
Elisa verheiratete Buchmann. 1962
Entsendung nach Nigeria um die Nigerianische Bank zu reorganisieren. 1965
schließlich wurde Sigmund Reich in den Vorstand der Bank Leumi berufen. 1969
Pensionierung. 1976 verstirbt Sigmund Reich an den Folgen eines Herzanfalles.
© 2003 MMag. Thomas Eliser Schärf
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