Trotzdem Baden bereits seit Jahrhunderten als Juden als Kurort bekannt war, haben sie bis ins 19. Jdht. keinen ständigen Aufenthalt dort gehabt.
Die ersten Juden die einem Erwerb in Baden nachgehen durften waren Isak Schischa und Aron Gellis, welche erstmals im Jahre 1780 eine sogen. koscher Auskocherei allerdings nur während der Sommermonate führten. Während der Wintermonate jedoch war auch ihnen der Aufenthalt in Baden verwehrt und sie mussten in ihre Heimatgemeinde Mattersdorf (heute Mattersburg) zurückkehren. Im Jahre 1805 gelang Schischa für sich und seine Familie, sowie jene Personen, die als seine Bediensteten der Behörde angezeigt wurden, die Erlaubnis zum ständigen Aufenthalt zu erhalten. Im selben Jahre bezog er das Haus Nr 509 in der Bäckergasse (heute Breyerstraße) wo er eine Restauration weiterführte, die dort bis zum Jahre 1871 verblieb. Im selben Hause wurde in weiterer Folge von dessen Sohn Leopold Schischa ein Bethaus errichtet. Die Familie Leopold Schischa war auch eine der ersten jüdischen Familien, die in Baden heimatberechtigt waren. Leopold Schischa, als guter Talmudist bekannt, wurde im Jahre 1845 als Dolmetsch und Übersetzer für die hebräische Sprache bei Gericht beeidigt.
Die andere alt eingesessene und angesehene Familie in Baden war jene des Heinrich Herz. Dieser stammte aus Sinzheim in Deutschland, war Pferdehändler und machte sich zunächst in Szerdahely (Slowakei) ansässig von wo er im Jahre 1819 mit seiner Frau Anna geb. Just sowie seinen drei Söhnen und seiner Tochter nach Baden übersiedelte. Aufgrund der Protektion des Regierungsrates Baron Heimbüchler erhielt Heinrich Herz 1820 die Bewilligung zur Errichtung einer koscheren Restauration sowie die Erlaubnis öffentliche Betversammlungen abhalten zu dürfen; dies zunächst in der Neugasse im Hause "zum weißen Hahn", später im Hause "Kaiserkrone". Bereits 1822 erhielt Herz - als erster Jude- das Heimatrecht in Baden. Heinrich Herz verstarb im Jahre 1839. Er ist auf dem Israelitischen Friedhof in Wien-Währing beigesetzt. Seine Frau Anna führte den Restaurationsbetrieb in weiterer Folge gemeinschaftlich mit dem Sohn Leopold weiter. Leopold Herz war auch der erste jüdische Einwohner Badens, welchem 1848 die Bewilligung erteilt wurde, auf eigenen Namen ein Haus kaufen zu dürfen. Er erwarb das Haus Wassergasse 14, errichtete in diesem ein Bethaus mit 285 Sitzen und führte dort bis zum Jahre 1859 auch das Restaurant fort. 1859 übergab er die Restauration an die Familie Rausnitz, welche sie im Jahre 1891 in das Haus Annagasse 18 verlegte, wo diese bis zum Jahre 1937 bestand. Den Betbetrieb im Hause hielt Leopold Herz jedoch bis zum seinem Tode im Jahre 1878 aufrecht.
Seit den Jahren 1830-1832 suchten eine Anzahl jüdischer Personen als Hausierer ihren Erwerb in Baden. Sie stammten zumeist aus Mattersdorf und Lackenbach. Ständigen Aufenthalt nahmen dann allerdings erst um das Jahr 1851 die Familien Moses Scheu, Abraham und Johanna Kohn, Max Kohn, Jakob Kohn, Nathan Schey, Max Mandl, Karl Sametz, A. Gellis und J. Schiller. Als Bethäuser standen jene des Schischa und Herz zur Verfügung. Für den Religionsunterricht der Kinder beschäftigten die jüdischen Familien auch gemeinsame Lehrer.
Mit Leopold Herz, in dessen privatem Bethaus die Besucher für ihren Sitzplatz zu bezahlen hatten, kam es in Laufe der Jahre zu immer größeren Differenzen, die schließlich auch dazu führten, dass eine Anzahl jüdischer Bürger unter anderem die städtische Redoute als Betlokal anmieteten.
Am 26. August 1868 schließlich wurde Moses Scheu, Jakob Kohn und Nathan Schey von der nö. Statthalterei die Gründung eines Krankenunterstützungsvereines genehmigt. Dieser Verein hatte den Zwecke Kranke zu unterstützen sowie Spenden für arme Trauernde aufzubringen. Nachdem die Differenzen mit Leopold Herz kein Ende nehmen wollten erwarb der Verein mit Kaufvertrag vom 6. November 1870 die Liegenschaft Grabengasse 14 um auf dieser ein Bethaus zu errichten. Dem Verein dürfte aber dann die Führung des Bethauses von der Behörde nicht gestattet worden sein, welcher Umstand 1871 zur Gründung des Israelitischen Kultusvereines geführt haben dürfte. Dieser Verein - vertreten durch die Herren Max Mandl, Jakob Kohn, Nathan Schey und Simon Scheu - übernahm mit Kaufvertrag vom 17. Mai 1871 die Liegenschaft Grabengasse 14 samt dem zwischenzeitig hierauf erbauten Bethaus um einen Kaufpreis von 9.900 Gulden.
Die von den Vereinsmitgliedern erzielten Einnahmen waren aber in weiterer
Folge zu gering um allen Verpflichtungen wie etwa der Bezahlung des Lehrers und
Vorbeters nachkommen zu können. Im Jahre 1871 übersiedelte auch Jakob Löb Pollak
nach Baden, welcher der Generalversammlung des Cultusvereines im Herbst 1872 den
Vorschlag unterbreitete, auf dem zweiten Gartengrund ein Bethaus mit 517
Sitzplätzen zu errichten, von deren Vermietung er höhere Einnahmen erhoffte. Der
Vorschlag wurde angenommen, die Planung noch im selben Jahre in Angriff genommen
und der Bauvertrag am 27. April 1873 unterzeichnet. Die mit ziemlicher
Sicherheit nach den Plänen des Badener Stadtbaumeister Franz Breyer ausgeführte
und auch von diesem errichtete Synagoge wurde noch im selben Jahre fertig
gestellt.
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Gleichzeitig mit der Errichtung der Synagoge wurde auch die Anlage eines Friedhofes ins Auge gefasst, da die Toten bis zu diesem Zeitpunkt in benachbarte Gemeinden überführt werden mussten, die bereits über einen solchen verfügten. Die kostenintensiven Überführungen stellten besonders für arme Familien ein besonderes Problem dar und oft mussten Geldsammlungen vorgenommen werden um die Kosten aufzubringen.
So spendete Max Mandl 1873 ein Grundstück für die Anlage des Friedhofes, ein weiteres wurde angekauft. Synagoge und Friedhof verschlangen schließlich den Betrag von 29.000 Gulden.
Am 11. Januar 1874 kam es in Baden zur Konstituierung der Chewra Kadischa (heilige Bruderschaft), welcher Verein bis zum Jahre 1938 für das Beerdigungswesen der jüdischen Gemeinde verantwortlich zeichnete. Aufgrund der Tatsache, dass von den vielen jüdischen Kurgästen auch eine ganze Reihe in Baden verstarben, sollte ihr in den folgenden Jahrzehnten eine im Vergleich zu anderen Gemeinde überdimensionale Bedeutung zukommen.
Trotzdem die Beerdigungsbruderschaft dem Kultusverein die von ihr erzielten Einnahmen zur Verfügung stellte, gelang es auch dem Kultusverein, der keine Pflichtbeiträge einzuheben berechtigt war, nicht die aus dem Errichtung und Betrieb von Synagoge, Religionsschule und Friedhof nunmehr erwachsenden Kosten aufzubringen. Der größte Teil der in Baden ansässigen Juden waren nämlich nicht Mitglieder des Vereins. Den Ausweg aus dieser prekären Lage meinte man daher nur in der Gründung einer eigenständigen Kultusgemeinde zu erblicken, welche auch zur Einhebung von Pflichtbeiträgen berechtigt sein sollte.
Nach längeren Anstrengungen wurde die Errichtung der Israelitischen Cultusgemeinde Baden schließlich im Jahre 1878 genehmigt und Moritz Leitner zu ihrem ersten Präsidenten gewählt. Der Sprengel der jungen Gemeinde umfasste bis zu Ihrer Auflösung im Jahre 1940 die Gerichtsbezirke Baden und Pottenstein sowie den Ort Gumpoldskirchen.
Zum ersten Rabbiner wurde nach Probevorträgen verschiedener Kandidaten im Jahre 1880 Wilhelm Reich bestellt, welcher zuvor das Rabbinat in Sarvar (Ungarn) versehen hatte, und der das Amt schließlich bis zu seinem Tod im Jahre 1929 bekleiden sollte. 1880 wurde auch der aus Dioszeg stammende Rabbiner Wolf Kohn an das mittlerweile von dem aus Mattersdorf stammenden Albert Deutsch erworbene Bethaus in der Wassergasse berufen.
1897 erwarb die mittlerweile gewachsene Kultusgemeinde die an das "Tempelgrundstück" angrenzende Liegenschaft Grabengasse 12 um in dem sich auf diesem befindlichen ebenerdigen Biedermeierhaus die Büros von Kultusgemeinde und Chewra Kadisha sowie die Wohnungen für die Gemeindeangestellten unterzubringen.
Im Zuge des Aufstiegs Badens zu einem der bedeutendsten Kurorte der k.u.k Monarchie erwarben in Baden auch eine Reihe von bedeutenden jüdischen Familien Besitzungen und nahmen zumindest während der Sommermonate hier ihren Aufenthalt. Zu nennen ist etwa der Gründer der Länderbank Samuel Ritter von Hahn, der sich ebenso wie Gustav Ritter von Epstein von Otto Wagner hier eine Villa errichten ließ. Auch die Familie Ritter von Gutmann, im Volksmund als die "Kohlenbarone" bekannt geworden, ließ sich in der Helenenstrasse ein Haus erbauen und erwarb in weiter Folge auch Schloß und Herrschaft Vöslau. Die sonstigen Namen umfassen - um nur einige zu nennen - etwa jene der Schey von Koromla, Pollak von Rudin, Mautner und Jellineks.
1904 gibt die Kultusgemeinde die Errichtung einer Zeremonienhalle auf dem zwischenzeitlich erweiterten jüdischen Friedhof in der Halsriegelstraße 2 in Auftrag, welche nach den Plänen des bekannten Wiener Baurates Wilhelm Stiaßny zur Ausführung gelangt und im Jahre1906 fertiggestellt wird.
Die israelitische Kultusgemeinde Baden entwickelt sich in weiterer Folge zur drittgrößten jüdischen Gemeinde auf dem Gebiet des heutigen Österreichs. Von den zahlreichen Vereinen seien der Israelitische Frauenunterstützungsverein, der jüdische Sportclub Unitas, die Jugendvereine HaShomer HaTadi und Betar beispielhaft genannt.
Die jüdische Infrastruktur im Sprengel der Badener Gemeinde war breit gefächert: Die Gemeinde selbst unterhielt seit dem 1. Weltkrieg ein Bethaus nach polnischen Ritus im Hause Grabengasse 12 sowie einen Betsaal in der Lungenheilanstalt Alland. Ab dem Jahr 1923 verfügte sie ferner über ein rituelles Bad samt Wohnhaus und Ausspeisung in der Vöslauerstraße 31. Von den übrigen Einrichtungen sind zu nennen: Die ab 1913 von dem von der Kultusgemeinde Baden bezahlten Rabbiner Salomon Friedmann betreute Privatsynagoge der Familie Deutsch in der Wassergasse 14, ein Waisenhaus des Kriegwaisenfonds der Agudat Israel samt Betsaal in der Germergasse 48, ein Altersheim der Wiener Chewra Kadisha in der Braitnerstrasse 23, koschere Restaurationen wie etwa jene der Familien Rausnitz und Schey in der Annagasse, mehreren Koscherfleischgeschäfte, die Synagoge des Israelitischen Bethausvereines in Bad Vöslau-Gainfarn, ein israelitisches Ferienheim in Bad Vöslau, etc.
Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten im März 1938 wurde dem jüdischen Leben in Baden ein jehes Ende bereitet. Die Kultusgemeinde war fortan bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1940 hauptsächlich mit der Übersiedlung der Gemeindemitglieder nach Wien sowie einer Auswanderung förderlichen Umschulungen beschäftigt. Von 1938 bis 1939 sank die Zahl der Gemeindemitglieder von ca. 2000 auf ca. 40 Personen.
Der „Tempel“ der in der Grabengasse wurde in weiterer Folge vom NSV in Beschlag genommen. Die Tatsache, dass er keine zwei Meter an die Gebäude der städtischen Feuerwehr angrenzt, verhinderte jedoch eine Brandschatzung. Hingegen fielen die Zeremonienhalle und die Synagoge in der Wassergasse 14 dem Badener Mob zum Opfer.
Die Liegenschaften der Badener Kultusgemeinde, so auch die Synagoge, wurden schließlich im Jahre 1940 von der Stadtgemeinde Baden „erworben“, in deren Eigentum sie auch bis zum Jahre 1952 verblieben. Zu einer Rückstellung des rituellen Bades kam es erst gar nicht. Diese Liegenschaft war von der Stadtgemeinde an Privatpersonen weiterverkauft worden, wofür die Rückstellungsgesetze keine Handhabe boten.
Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft überlebten neben durch ihre Mischehe mit „Ariern“ geschützten Personen, bekanntermaßen nur Arnold Posiles sowie aus Wien stammend Dr. Adolf und Malvine Schärf, geb. Rosen, mit ihren Kindern Wilhelm, Alexander, Stefan und Ludwig als U-Boote in Baden.
Bereits 1946/47 kehrten die ersten Überlebenden der Badener Gemeinde zurück. Unter den ersten Ankömmlingen befanden sich Ludwig Reisz und seine Frau Margarethe, geb. Lackenbacher.
Schon in den 1950er Jahren wurden während der Sommermonate im Sanatorium Esplanade wieder jüdische G"ttesdienste abgehalten. 1957 schließlichder Tempelverein gegründet. Der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der kleinen Badener Gemeinde fehlten allerdings die Mittel um die devastiert rückgestellte Synagoge wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.
1964 wurde daher lediglich der ehemalige Sitzungssaal der Badener Kultusgemeinde als Bethaus adaptiert, seit welchem Zeitpunkt hier wieder regelmäßig G"ttesdienste abgehalten werden. Die Tatsache, dass Baden heute das einzige jüdische Bethaus Niederösterreichs beherbergt, führt dazu, dass heute Juden aus allen Teilen des Bundeslandes zu den Besuchern zählen.
Bis heute gibt es in Baden keine kommunale Stätte der Erinnerung an die jüdische Gemeinde Baden und ihre Opfer.